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Tübingen

Foto: RTF.1
"Ein guter Krisenmanager" - Warum Boris Palmer die Wahl gewonnen hat

Boris Palmer bleibt Oberbürgermeister der Stadt Tübingen. Der wohl bekannteste Bürgermeister Deutschlands setzte sich in dieser Deutlichkeit überraschend bereits im ersten Wahlgang gegen seine Konkurrentinnen Ulrike Baumgärtner und Sofie Geisel durch. Palmer erhielt 52,4 Prozent der Stimmen. Ulrike Baumgärtner erzielte mit 22 Prozent das zweitbeste Ergebnis, Sofie Geisel kam mit 21,4 auf Platz 3. Alle anderen Kandidaten erhielten zusammen 4,2 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag mit 62,6 Prozent deutlich höher als vor acht Jahren. Palmer hatte vor allem während der Corona-Pandemie bei den Tübinger Bürgern als Krisenmanager punkten können. Lesen Sie einen Rückblick auf den Wahlabend und Stimmen von Tübinger Bürgern und Funktionsträgern.

18 Uhr. Die Wahllokale sind gerade geschlossen, die Auszählung beginnt. Schnell zeichnet sich ab – hier wie auch anderswo – der Stapel mit den Stimmen für Boris Palmer wird mit Abstand am größten.

Auf dem Marktplatz haben sich inzwischen zahlreiche Tübinger Bürger versammelt. Baubürgermeister Cord Soehlke präsentiert die Ergebnisse, die nach und nach eintrudeln. Das erste Ergebnis kommt aus Bebenhausen: Boris Palmer liegt bei 64,9 Prozent. Es wird sein stärkstes Einzelergebnis bleiben. Aber der Trend ist klar: Auch wenn die Prozente für Palmer wieder nach unten rutschen: Er bleibt von Anfang bis zum Ende oberhalb der Fünfzig-Prozent-Marke.

Um etwa halb acht ist sicher: Palmer gewinnt die Oberbürgermeisterwahl im ersten Wahlgang. Jubel und Applaus auf dem Marktplatz.

 

Die Gegenkandidatinnen: "Ich bin ganz mit mir im Reinen"

Für die beiden Gegenkandidatinnen ist inzwischen klar, dass sie die Wahl verloren haben: Sofie Geisel und Ulrike Baumgärtner holen beide etwas mehr als jeweils zwanzig Prozent. Die Stimmen der Kandidatinnen:

"Ich bin ganz mit mir im Reinen", sagte SPD-Kandidatin Sofie Geisel. "Das ist sicher nicht das Ergebnis, was wir uns gewünscht hätten, aber es ist, wie es ist: Die Tübinger haben Boris Palmer gewählt."

"Ich bin angetreten, um zu gewinnen, und ich bin es nicht geworden, von dem her ist es natürlich auch eine kleine Enttäuschung", sagte Ulrike Baumgärtner, die Kandidatin der Grünen. "Aber mit 20 Prozent braucht man sich nicht verstecken, und wir haben einen sehr guten und engagierten Wahlkampf geführt, vielen Dank auch an alle, die einen unglaublichen Einsatz geleistet haben. Wir haben auch Themen gesetzt, die bisher einfach zu wenig bearbeitet wurden, und da erwarte ich jetzt auch von dem neuen alten Oberbürgermeister, dass er diese Themen auch angreift und umsetzt."

 

Boris Palmer: "Dafür biete ich die Hand."

Doch nun zum strahlenden Sieger des Abends. Blumen und Blasmusik für den alten und neuen Oberbürgermeister, doch schon am Montag geht die Arbeit wieder los, denn die Dauerkrise will bewältigt sein:

"Die große Krise, die vor uns liegt, durch den Winter kommen, die Gasmangellage, die Rezession, die Inflation, ein Landesterben verhindern, die Industrie am Laufen halten, wäre schon genug zu tun, aber gleichzeitig müssen die Hebel umgelegt werden für noch viel schnelleren, für wirksameren Klimaschutz, damit wir 2030 wirklich klimaneutral sind, damit hätte man schon genug zu tun", sagte Palmer.

Der Jubel mag darüber hinwegtäuschen, dass der Wahlkampf sehr polarisiert geführt wurde. Nicht jeder wird mit dem Ergebnis zufrieden sein. Auch da gibt es jetzt viel zu tun. "Ich bedanke mich bei allen, die nicht für mich gestimmt haben, denn nur so war diese unglaublich hohe Wahlbeteiligung möglich", sagte Palmer. "Ich hoffe, dass wir uns als Demokraten auf die Legitimation durch Verfahren verständigen können. Dass nämlich ein ordentlich durchgeführtes Wahlergebnis am Ende alle bindet. Und dann können wir am nächsten Tag wieder gemeinsam wieder das beste für die Stadt suchen. Das muss der Auftrag sein, und dafür biete ich die Hand."

 

"Ein guter Krisenmanager": Pluspunkte durch Pandemie-Management

Was jetzt klar sein dürfte: Boris Palmer ist in Tübingen beliebt – nicht wegen seiner bundesweiten TV-Auftritte, sondern wegen seiner Arbeit vor Ort – vor allem während der Corona-Pandemie hat er bei den Tübinger Bürgern viele Pluspunkte gesammelt. Ein Stimmungsbild:

"Da hat er – finde ich – einen Politikstil, der einzigartig ist und der in Deutschlands seinesgleichen sucht", sagte ein junger Mann auf dem Marktplatz, und sein Begleiter fügte hinzu: "Da kann ich mich nur anschließen. Ich finde, dass er in der Corona-Zeit die Modellstadt Tübingen mit vorangebracht hat und dass er einfach immer wieder total coole Lösungen für Probleme hat und die einfach auch durchsetzt."

Ein älterer Musiker äußerte sich wie folgt: "Mich interessiert auch nicht, ob der emotional jeden abholt irgendwie, sondern der soll die keine Ahnung wieviel tausend Mitarbeiter in der Stadt irgendwie managen, dass wir als Bürger in dieser Stadt unsere Sachen machen können, dass das funktioniert und wenn es Probleme gibt, dass jemand da ist, der nicht im Kreis springt sondern halt so: Was machen wir jetzt? Und sich dann Sachen überlegt."

Kritisch dagegen ein Mann, der sich als Nichtwähler geoutet hatte: "Ich schätze unseren unseren Oberbürgermeister Boris Palmer und glaube auch, dass er auch sehr viele Sachen sehr gut durchsetzen kann, aber mir gefallen manche Richtungen der Politik nicht, und ich habe so eher das Gefühl, dass er Sachen durchsetzen kann, die ich eigentlich gar nicht mag."

Eine Frau hob vor allem Palmers Pandemie-Management hervor: "ich es eben als sehr, sehr befreiend empfunden, dass wir ausgerechnet ihn als Bürgermeister hatten, weil wir sicherlich nicht so durch die Corona-Zeit gekommen wären, wenn wir Boris Palmer nicht gehabt hätten. Also, bei uns war einfach in Tübingen alles ein bisschen einfacher und ein bisschen netter als im Rest von Baden-Württemberg."

Das findet auch die Notärztin und Pandemiebeauftragte Dr. Lisa Federle. "Mir war es wichtig, dass er durchkommt, weil er eben auch in der Corona-Politik wahnsinnig mit angepackt hat und alles, was ich gesagt habe, auch umgestetzt hat, und da war er schon jemand, mit dem man auch reden konnte. Und ich finde, in einer Krise ist so jemand auch ganz besonders wichtig. Und er ist ein guter Krisenmanager."

 

Die Nachbargemeinden: "Weil er für die Region das beste will"

Auch die Nachbargemeinden blickten an diesem Abend mit Spannung nach Tübingen. So wurden auf dem Tübinger Marktplatz auch der Reutlinger Oberbürgermeister Thomas Keck und der Eninger Bürgermeister Alexander Schweizer gesichtet. Letzterer sagte:

"Ich schätze Boris Palmer deshalb, weil er als Politiker auch unangenehme Dinge ausspricht, weil er vorausdenkt, weil er die Diskussion nicht scheut und weil er für die Region wie auch für die Stadt Tübingen das beste will – auch gegen Widerstände und das – finde ich – muss man unterstützen."

 

Die Tübinger Bürgermeister: "Eine kleine Feier der Demokratie"

Tübingens Bürgermeister Daniela Harsch und Cord Soehlke hatten sich aus dem Wahlkampf herausgehalten, aber auch sie analysierten das Wahlergebnis aus ihrer Sicht. "Ich glaube, dass viele Menschen sich Kontinuität gewünscht haben, gerade in den unruhigen Zeiten", sagte Bürgermeisterin Daniela Harsch. "Und dass Tübingen gerade auch gut da steht, hat sicherlich dazu geführt, dass der Amtsinhaber eben auch wiedergewählt wurde."

Und Baubürgermeister Cord Soehlke sagte: "Für uns ist dieser Abend dann auch tatsächlich ein Abend, wo wir das erste Mal auch wirklich mitkriegen, wie die Menschen reden, und es sind halt viele, viele Menschen in Tübingen, die sich ihre Meinung gebildet haben. Und das finde wirklich jetzt toll daran: Mit so einer hohen Wahlbeteiligung ein so klares Ergebnis, ich finde, das ist auch tatsächlich so ein bisschen eine kleine Feier der Demokratie an der Stelle."

Und so geht Oberbürgermeister Boris Palmer nach diesem Wahlerfolg mit viel Rückenwind in seine dritte Amtszeit.

(Zuletzt geändert: Montag, 24.10.22 - 16:40 Uhr   -   972 mal angesehen)

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